Bücher müssen runter vom hohen Sockel

Jungen lesen anders und anderes. Und oft lesen sie gar nicht. Das hat Gründe. Ein Beitrag von Frank Maria Reifenberg zum Leseverhalten von Jungen und darüber, was wir tun können, um ihnen mehr und lustvolleren Zugang zu Büchern zu verschaffen. Den kompletten Artikel aus dem Kilifü-Almanach mit Buchtipps und weiteren Informationen können Sie hier downloaden: Bücher müssen runter vom hohen Sockel als PDF.

»Wir wollen das Thema jetzt nicht überbetonen und Sie in eine bestimmte Ecke schieben«, tickte der Reporter des Kölner Stadtanzeigers im Gespräch mit dem Fußballprofi Andreas Beck ein offensichtlich heikles Thema an. »Manche Fußballer haben da ein komisches Image bekommen, aber es ist bekannt…«, Achtung, jetzt kommt es, »… dass Sie sehr viel lesen.«

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Uff. Da war es heraus. Nicht Lack oder Leder sind die schrecklichen Leidenschaften des damaligen Nationalspielers, sondern Lesen. Andreas Beck steht auf Bücher – übrigens dicke und schwierige Bücher, Dostojewski gehört auch dazu. Ob er weiß, welch großen Gefallen er vielen Jungs täte, wenn seine Lust am Lesen nicht als »heikles Thema« quasi unter der Ladentheke gehandelt werden müsste?

Über 50% der Jungen lesen nur, wenn sie müssen…

Lesen hat bei vielen Jungen spätestens ab der fünften Klasse kein gutes Image. Gerade in diesem Alter bedeutet Image viel, manchmal alles. Bin ich ein cooler Typ oder bleibe ich im Sportunterricht beim Wählen der Fußballmannschaft immer als letzter übrig? Zocke ich die richtigen Games, stimmen die Sneaker und das Smartphone? Im Ranking der Statussymbole kommt das Buch nicht vor.
Sogar Jungs, die in der Grundschule noch begeisterte Leser waren, verlieren – manchmal fast von heute auf morgen – die Lust am Lesen. Das führte in den PISA-Studien dazu, dass Jungen zu Beginn der Pubertät gegenüber gleichaltrigen Mädchen oft ein ganzes Schuljahr zurückhängen, über die Hälfte der Jungen lesen nur, wenn sie müssen.

Die Folgen dieser Tatsache reichen weit, denn Lesen dient nicht nur dem Informationserwerb. Lesen schult wie kaum eine andere Tätigkeit die unterschiedlichsten Gehirnbereiche. Vielleser punkten im Kommunikations- und Sozialverhalten und zeichnen sich durch eine höhere Dialogfähigkeit aus.
Die Ursachen für den Lesefrust sind bekannt: Lesen wird von Jungen als Mädchenkram gesehen, das Leseverhalten und die Wünsche von Jungen werden im System der Lesevermittlung nicht ausreichend beachtet und die konkurrierenden Medien erfüllen die Bedürfnisse von Jungen besser.

Lesen ist Mädchenkram…

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»Jungen erleben Lesen als eine weibliche Medienpraxis«, sagt Dr. Christine Garbe, Professorin an der Universität Köln und eine der führenden Forscherinnen im Bereich der Leseförderung. Lesen begegnet den heranwachsenden Jungs fast ausschließlich und durchgehend in Frauengestalt: Immer noch lesen weitaus mehr Mütter als Väter vor. Im Kindergarten und in der Grundschule fehlen die männlichen Erzieher. In der Bibliothek oder in der Buchhandlung ist das Personal zu einem hohen Prozentsatz weiblich.
Väter, Großväter, Onkel sieht ein Junge gelegentlich mit der Tageszeitung, deutlich seltener bis annähernd niemals mit Büchern. Männer als lesende Identifikationsmuster oder gar Idole? Fehlanzeige. Da liegt es nahe, dass sich in den ersten zehn Lebensjahren ein Bild festsetzt, in dem Bücher und Jungen etwas eher Fremdes sind. Im Zuge der neuen Rollenfindung, der Ablösung von der Mutter als wichtigster Bezugsperson, wandert das Buch dann in die Mädchenecke: Die Jungen rutschen in den sogenannten ersten Leseknick. Den zweiten beschert ihnen dann die Pubertät, wo – geben wir es doch zu – nun wirklich weitaus interessantere und definitiv lustvollere Beschäftigungen locken und die Rolle von Mädchen sowieso in einem völlig neuen Licht gesehen wird.

Angriff aus dem outer space…

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Ohne Zweifel brauchen Jungen mehr männliche Vorbilder; das Problem auf die Genderfrage zu reduzieren, greift allerdings zu kurz. Leseförderung für Jungen ist nicht nur eine Frage des Geschlechts der Lesevermittler. Gendersensibles Verhalten ist gefragt, unabhängig davon, ob Mann oder Frau die Rolle des Vermittlers übernimmt. Dazu gehört allerdings, zu verstehen, was Jungen in ihrer Mediennutzung antreibt, was sie erwarten, welche Bedürfnisse Medien in ihrem Alltag erfüllen.
Jungen, die sich oft in einer verregelten Welt mit wenig Möglichkeiten wiederfinden, ihre männlichen, auch rauen Anteile auszuleben, nutzen Medien – und hier natürlich besonders alle Formen von elektronischen Spielen – um einen Ersatz zu finden. Sie suchen starke Typen, die zupacken können, die Probleme lösen, Helden, die gewinnen. Computerspiele bieten ihnen das auf bequemere Weise als jedes Buch. Gegen solche Konkurrenz zu gewinnen, gelingt dem Buch nur, wenn wir diese Bedürfnisse zumindest respektieren – und die richtigen Alternativen anbieten. Dafür müssen wir allerdings wissen, für was Jungen sich interessieren.

Jungen lesen anders und anderes…

»Moderne Jungenbücher dürfen zum großen Teil als Bedrohung für die männliche Selbstfindung erlebt werden. Viele typische Klassenlektüren – meist entnommen aus dem Kanon der guten Kinder- und Jugendliteratur – haben einen sensiblen, schwachen Jungen als Protagonisten.«1 Gerade das, was für engagierte erwachsene Leserinnen und Leser einen großen Reiz auszuüben scheint, schreckt Jungen ab: der gebrochene »Held« mit chronischer Erkrankung, drogenabhängiger Mutter und Migrationshintergrund, der mit der Hilfe eines starken Mädchens lernt, sein mieses Leben zu akzeptieren. In meinen Workshops nur für Jungs stelle ich auch solche Geschichten zur Auswahl. Beim Bücher-Voting, in dem die Teilnehmer mit Klebepunkten ihre eigenen Favoriten küren dürfen, bekommen diese meisten genau eine Stimme – die des Lehrers. Zu meinem Leidwesen, um das klarzustellen, denn es sind genau die Bücher, denen auch ich mehr junge Leser wünsche. Was wir wollen, ist aber nicht wichtig, wenn die Alternative heißt: gar nicht lesen.
Im Mittelpunkt steht, Jungen zu begeistern, Leselust zu erzeugen und pädagogische Ansprüche erst einmal in den Hintergrund zu stellen. Nach der Phase der Alphabetisierung folgt der Prozess des Lesenlernens einem einfach Muster: Lesen lernt man durch lesen; gut lesen lernt man durch viel lesen; wer gut liest, hat mehr Spaß am Lesen. Und will fast automatisch mehr davon.
Dabei ist jede Form des Lesens erlaubt, ob am Computer, in Zeitschriften oder Comics, auf dem Smartphone. Im Gehirn passiert unabhängig vom Träger-Medium und auch unabhängig vom Inhalt zunächst immer dasselbe.
Auf der untersten Stufe der Lesekompetenz – über die viele Jungen bis zum Ende der Schulzeit nicht hinauskommen – sind die Textmengen eines bebilderten Sachbuchs oder des Buches der Weltrekorde oft genau das, was sie ohne Mühe entziffern und verarbeiten können. Jeder dicke Schmöker, den wir ihnen hinlegen, ist nicht nur unattraktiv für sie, sondern ihr Scheitern ist geradezu vorprogrammiert.
Es beginnt also mit Forschungsarbeit: Wie gut kann mein Sohn eigentlich wirklich lesen, was kann ich ihm zumuten? Seine Deutschnote sagt darüber nicht viel aus. Oft ist es so, dass er seinem Alter gemäß zwar komplexere Geschichten verstehen könnte, seine reine Lesekompetenz aber nicht aus¬reicht. In den Workshops greifen Fünftklässler oft nach Titeln, die eigentlich für Achtjährige gedacht sind, weil die Bücher dünner sind, größere Buchstaben und mehr Bilder haben. Die Altersangaben auf den Büchern sind also nur eine grobe Orientierung; was wirklich passt, muss man für jeden Jungen einzeln herausfinden.

Zehn Seiten, fünf Finger…

Wenn Sie Ihren Sohn für etwas begeistern wollen, stülpen Sie ihm nicht Ihre Vorstellungen vom richtigen Umgang mit Büchern über. Bücher müssen runter vom hohen Sockel. Das heißt natürlich auch: Kein Buch muss zu Ende gelesen werden, wenn es mich langweilt. Im Gegenteil, am besten fängt man damit gar nicht erst an.
Zwei kleine Faustregeln können dabei helfen: der Zehn-Seiten- und der Fünf-Finger- Grundsatz. Beim Lesen der ersten Seite klappe ich für jedes Wort, das ich nicht verstehe, einen Finger ein. Liegt am Ende der Seite die Faust auf dem Tisch, spricht viel dafür, dass das Buch nicht zu den Fähigkeiten des Lesers passt.
Wenn mir ein Buch nach zehn Seiten nicht gefällt, verschwende ich meine Zeit auch nicht damit. Es gibt genug spannende, passende Bücher. Nach und nach kann man daraus auch eine Zwanzig-Seiten-Regel machen.

Spannung, Abenteuer, Humor…

Fangen Sie also ganz unten an und akzeptieren Sie, dass Ihr Sohn einen anderen Geschmack hat als Sie selbst. Senken Sie Ihre Schmerzgrenze, was Themen und Geschichtenauswahl angeht. Bücher, die er sich selbst aussucht, sollten Sie nur ablehnen, wenn es wirklich gute Gründe dafür gibt. Gewaltverherrlichende Storys sind zwischen zwei Buchdeckeln genauso schlecht wie auf dem Bildschirm, daran besteht kein Zweifel. Spannung, Kampf und Abenteuer ebnen aber den Weg zu nachdenklicherer Lektüre. Auch ein Anti-Held wie Greg tut mit seinem derben Humor mehr Gutes, als manch ein von Preisen überhäuftes „gutes“ Kinderbuch.
Christine Garbe bezeichnet diese Bücher als eine moderne Form des Schelmenromans und sagt, letztendlich seien Jungen »vorbürgerliche Leser« aus einer Zeit, bevor der Roman domestiziert wurde. Das macht es uns vielleicht leichter, wenn wir die Jungs nicht als Rambos, sondern als kleine Eugenspiegel sehen.Mit ein bisschen Glück antworten sie eines Tages wie Andreas Beck auf die Frage nach dem heiklen Thema: »Das ist ja kein Geheimnis, ich brauch das nicht zu verneinen. Das ist ein Hobby, wie viele andere Hobbys auch. Aber es gibt mir sehr viel.«
Wie schön.

Der Beitrag erschien erstmalig im Kilifü – Almanach der Kinder- und Jugendliteratur 2012/13.

Der Führer durch die Kinder- und Jugendbuchproduktion eines Jahres mit über 200 Buchbesprechungen und viele Artikeln rund um das Thema Kinderbuch ist in Buchhandlungen oder direkt über die Homepage zu erhalten.

1 aus Schilcher, a:/Hallitzky, M. (2004): Was wollen die Mädchen, was wollen die Jungs – und was wollen wir? Zu Inhalt und Methodik eines geschlechterdifferenzierenden Literaturunterrichts. In: Kliewer, A./ Schilcher, A. (Hrsg.): Neue Leser braucht das Land! Zum geschlechterdifferenzierenden Unterricht mit Kinder- und Jugendliteratur. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, S. 113 – 136119 – KILIFÜ 2012/13

Das könnte auch interessant sein: Gespräch mit Professor Christine Garbe und mir im Deutschlandfunk am 23.3.2013 zum Thema Jungenleseförderung

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6 Gedanken zu „Bücher müssen runter vom hohen Sockel

  1. Und wenn Jungs lesen, sprechen sie nicht darüber. Das ist mir neulich bei einer Lesung klar(gemacht) worden. Weil’s gar so schön war, habe ich der Episode einen Blogbeitrag gewidmet.

    Viele Grüße von der Ex-Verlags-Kollegin
    Christine Biernath

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