Nach Models, Bauern und Schlagerstars werden nun Bücher gecastet!

Ein Gespräch mit Ute Hachmann, Leiterin der Stadtbibliothek Brilon, über eine knackige Methode der Leseanimation: das Buchcasting. Nicht nur, aber für leseunlustige Jungs besonders geeignet.

 Frau Hachmann, nach Sängern, Models, Schwiegertöchtern und Bauern werden nun auch Bücher gecastet. Warum?

Ob jemand ein Buch in die Hand nimmt und plant, es zu lesen, ist oft eine Sekunden-Entscheidung, die ohne großes Nachdenken im Kopf abgeht. War es das tolle Cover? Klang der Titel super? Fesselte mich der Klappentext? Zog mich der erste Satz gleich in die Geschichte rein?

Ute Hachmann castet Bücher

Ute Hachmann castet Bücher

Und schon ist klar – auch Bücher sind einem harten Konkurrenzkampf ausgesetzt. Genau wie der Wettbewerb unter Sängern, Models oder Schwiegertöchtern möchte auch das beste Buch gewinnen und gelesen werden.
Hier unterstelle ich dem Buch ein Eigenleben, das so natürlich tatsächlich nicht stattfindet. Aber alle Menschen, denen es am Herzen liegt, das die vielen guten Bücher auf der Welt auch gelesen werden, suchen immer wieder nach guten Ideen und Konzepten, um die Lektüre an den Mann oder die Frau oder das Kind oder den Jugendlichen zu bringen.
Und da Casting-Shows bei Jugendlichen absolut beliebt sind, liegt es doch eigentlich sehr nahe, das wir „Leseförderer“ die Idee, die sich hinter Casting-Shows verbirgt, übernehmen.

Erklären Sie uns kurz den Ablauf!

Der Ablauf des Buchcastings, das ich hier beschreibe, ist ursprünglich in der Stadtbibliothek Bremen entwickelt worden, und wird inzwischen in vielen Bibliotheken in Deutschland als erfolgreiches Konzept eingesetzt. Als Beispiel beschreibe ich ein Buchcasting für Jugendliche.
Zur Vorbereitung werden zu den Bereichen „Freundschaft, Liebe“, „Thrill“, „Fantasy“ und „Abenteuer“ jeweils 4 Jugendbücher ausgewählt.

Buchcasting in Brilon

Ein Buchcasting eignet sich besonders für größere Gruppen und Schulklassen. Die Jugendlichen fungieren als Jury und dürfen pro Spielrunde jeweils einen Punkt vergeben.  Los geht es beispielsweise mit den Büchern aus dem Bereich „Freundschaft, Liebe“. In der ersten Spielrunde werden nun die Titel der 4 ausgewählten Bücher vorgelesen. Niemand sieht das zugehörige Cover. Jeder Teilnehmer muss nun für seinen Lieblingsbuchtitel in dieser Spielrunde seine Stimme abgeben. Aufzeigen und damit seine Stimme abgeben genügt.

Und dann heißt es auch schon: Für dich habe ich heute kein Foto … äh … keinen Leser!

Genau, nach der Auszählung fliegt das erste Buch raus, ohne große Diskussion, wie im wahren Casting-Leben eben.
In der zweiten Spielrunde zeigt die Moderatorin oder der Moderator die Cover der drei verbliebenen Bücher. Auch hier wird eine Stimme für das beste Cover abgegeben. Und wieder verabschiedet sich die Spielgruppe von einem Buchtitel. Das Stechen findet zwischen den zwei verbliebenen Titeln statt. Hier entscheidet der Klappentext. Und schon ist das Gewinnerbuch in der Kategorie „Freundschaft, Liebe“ ausgespielt.

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Im folgenden werden nun die anderen Bereiche „ausgespielt“. Am Ende der Veranstaltung liegen vier Gewinnerbücher da, die sowohl vom Titel, wie vom Cover und Inhalt die Jugendlichen überzeugt haben und nur darauf warten gelesen zu werden.

Wie viel Zeit braucht man für das Buchcasting?

Eine Stunde.

Das kann jeder, oder? Gibt es „Fallen“, etwas, das man unbedingt beachten muss? Was kann schief gehen?

Nichts, wenn man sich auf den Spaß dieser Castingshow voll und ganz einlässt. Wenn man die Idee blöd findet, sollte man die Finger davon lassen. Die Teilnehmer merken sofort, ob man selbst Spaß an der Sache hat.

Welche Zielgruppen lassen sich mit dieser Methode besonders gut ansprechen?

Das Buchcasting eignet sich besonders für Jugendliche, die sehr leseungewohnt sind. Insbesondere die Jungen sind schnell mit Begeisterung bei der Sache. Die Stadtbibliothek Brilon setzt das Buchcasting in unterschiedlichen Bereichen ein. Wir bieten es für 5. und 7. Klassen als Programmangebot für alle Briloner Schulen (von Förderschule bis Gymnasium) an, aber auch seit 2 Jahren als Veranstaltung für Erwachsene mit einem großartigen Erfolg.

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Bieten Sie das Casting nach Geschlechtern getrennt an? Es gibt doch im Leseverhalten von Jungen und Mädchen sehr deutliche Unterschiede, wie gehen Sie damit um?

Nein, wir bieten keine Castings getrennt nach Geschlecht an. Es wäre aber sicher keine schlechte Idee, es mal auszuprobieren. Mit dem unterschiedlichen Leseverhalten von Mädchen und Jungen spielen wir beim Buchcasting insofern, als dass wir die Kategorien so wählen, dass auf jeden Fall eine typische für Mädchen und eine für Jungen dabei ist. Da müssen die Jungen dann auch mal Titel aushalten wie „Mein Pickel und ich“ und die Mädchen Titel wie „Dangerous Beast“. Diese typischen Mädchen- und Jungenbuch-Kategorien bringen in der Regel immer Stimmung ins Buchcasting, da der Unmut zunächst groß ist, über Titel abzustimmen, die einen überhaupt nicht interessieren. Erstaunlicherweise fügen sich beide Geschlechter schnell und spielen voll mit.

Wie reagieren Lehrerinnen und Lehrer auf diese sehr „pragmatische“ Herangehensweise? Das fördert ja ganz klar das Lust- und Launelesen? Schullektüre dürfte dabei doch eher selten „durchkommen“?

Am Anfang, als wir dieses Konzept eingeführt haben, war die Skepsis groß. Nachdem die ersten Lehrer (vor allen Dingen die jüngeren) das Programm erlebt hatten, brach nach und nach das Eis. Wobei leider gesagt werden muss, dass insbesondere die Lehrer des Gymnasiums (hier in Brilon) sich am schwersten mit dieser Idee tun.
Hauptschullehrer haben sehr schnell begriffen, dass dieses Programm Lust und Laune aufs Lesen machen kann.
Erst kürzlich hat eine Klasse beim Buchcasting ihre Lektüre erspielt, das hat mir besonders gut gefallen. Die Lehrerin lässt die Schüler statt einer einheitlichen Buchlektüre unterschiedliche, selbst ausgewählte, bzw. beim Buchcasting vorgestellte Titel lesen.

Das ist natürlich großartig und genau das, was die Leseforscher fordern! Bei vielen Projekten zur Leseanimation fragt man sich: Und was bleibt? Ich kenne das von meinen „Bücherjungen – Jungenbücher“-Workshops, bei denen ich oft feststelle, dass die Jungs sehr begeistert mitmachen, die Lehrerinnen und Lehrer sagen „Huch, so habe ich die noch nie erlebt!“. Wenn es dann aber nicht weiter bearbeitet wird, ist es nur ein Strohfeuer. Stellen Sie eine Veränderung fest? Bleiben die Jugendlichen am Ball oder besser: am Buch?

Wir nutzen unsere Buchcasting-Shows immer wieder, um auf unseren Sommerleseclub hinzuweisen. Die Idee, Jugendliche in den Sommerferien zum Lesen zu animieren, ist inzwischen NRW- und bundesweit stark verbreitet.

Wer es noch nicht kennt: hier der Link zu den Sommerleseclubs, tolle Aktion! Ich moderiere mittlerweile fast jedes Jahr eine Abschlussveranstaltung, in diesem Jahr die in Nettetal!

Nach den Castingshows können wir feststellen, dass sich die Jungen auch motivieren lassen, beim Leseclub mitzumachen. Das ist prima. Den einen oder anderen konnten wir sicher auch begeistern, nach den Sommerferien weiter zu lesen. Aber dem Strohfeuer-Effekt können wir auch nicht viel entgegensetzen, da wir die Schüler leider nicht regelmäßig (super wäre einmal im Monat) sehen. Da muss ich den Ball dann doch den Lehrern und Eltern zuspielen.

Da hoffen wir, dass die ihn auch auffangen! Danke, Frau Hachmann!

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