Didaktische Handreichung für kicken&lesen

Der nächste Schritt, um kicken&lesen überall und mit wenig Aufwand zu ermöglichen, ist getan. Im Auer Verlag ist nun „kicken & lesen – Denn Jungen lesen ander(e)s“ von Frank Maria Reifenberg und Andreas Barnieske erschienen.

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Das Projekt kicken&lesen wurde im Jahr 2007 von der Baden-Württemberg Stiftung ins Leben gerufen und von Frank Maria Reifenberg für den Einsatz in der Schule in Köln weiterentwickelt. Es hat sich zum Ziel gesetzt, über die Begeisterung für Fußball die Lesekompetenz von Jungen im Alter von ca. 9 bis 13 Jahren zu fördern.
Die vorliegende didaktische Handreichung ist aus dem Projekt heraus entstanden. Sie bildet einen Baustein, um leseschwachen Jungen das Lesen als eine attraktive Kultur- und Medienpraxis zu vermitteln. Jungen lesen anders und anderes als Mädchen und brauchen eine Förderung, die das berücksichtigt.
Neben einer theoretischen Einführung zum Thema genderspezifische Leseförderung enthält die vorliegende didaktische Handreichung einfach einsetzbare Lesetests, eine Einführung in die wichtigsten Methoden der Leseförderung, ein vollständiges und praxiserprobtes Konzept zur Umsetzung samt umfangreicher Materialsammlung, Vorschläge zum Ablauf der Übungsstunden sowie 40 eigens für Jungen geschriebene Übungstexte und eine Vorlesegeschichte. Zahlreiche Tipps und Anleitungen runden den Band ab.
Das Konzept ist ein Basismodul, das Sie in der Schule u.a. in Förderstunden und Arbeitsgemeinschaften, im außerschulischen Bereich in der Jugendarbeit, in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, in Sportvereinen oder in Bibliotheken einsetzen können. Entsprechend offen ist es für Anpassungen an die spezifischen Gegebenheiten Ihrer Einrichtungen und die individuellen Voraussetzungen, die „Ihre“ Jungen mitbringen.

Beispielseiten (zur Vergrößerung anklicken):

Praxisbuch Leseförderung mit kicken&lesen Köln

Frisch aufm Tisch: Das Praxisbuch Leseförderung mit einem ausführlichen Artikel über das kicken&lesen Köln-Projekt inklusive beispielhafter Trainingsabläufe.  Und natürlich vielen anderen nicht minder interessanten Beiträgen zum Thema … klar: Leseförderung.

Praxisbuch Leseförderung

Väter lesen vor – ein Projekt der pro familia Passau

„Dieses Vätervorlese-Projekt lässt sich leicht und ohne finanzielle Ressourcen jederzeit und überall realisieren. Wenn ich das praktisch vor Ort umsetze,  brauche ich keine Politik, dann ändert sich etwas bei den beteiligten Menschen.“
Perdita Wingerter von Pro Familia Passau im Gespräch mit Dr. Bruno Köhler, Leiter des Projekts „Jungenleseliste“ von MANNdat e.V. – ein Gastbeitrag

MANNdat: Sehr geehrte Frau Wingerter, pro familia führt derzeit ein Vätervorlese-Projekt durch. Wie läuft das ab?

Perdita Wingerter: Wir haben vor einigen Jahren eine Männergruppe bei pro familia initiiert, die sehr aktiv ist. Ich habe dort angefragt, ob sich einige der Väter vorstellen könnte, sich auch bei einer Vorleseaktion für Kinder zu engagieren. 4 Väter sagten spontan zu. Wir arbeiten bei der Aktion mit der örtlichen Bücherei zusammen, die einen eigenen Raum dafür zur Verfügung stellten und uns bei der Werbung unterstützen. Zielpublikum waren Kinder im Alter zwischen 5 und 8 Jahren. Wir richteten den Raum sehr gemütlich her, mit großen Sitzkissen, einem gemütlichen Ohrensessel für die Vorleser, dekorierten den Raum und stellten für die Kinder Kekse und Getränke zur Verfügung. Die Vorleseaktion dauert zwischen 1 – 1,5 Stunden – länger können sich die Kinder nicht konzentrieren. Weiterlesen

Nach Models, Bauern und Schlagerstars werden nun Bücher gecastet!

Ein Gespräch mit Ute Hachmann, Leiterin der Stadtbibliothek Brilon, über eine knackige Methode der Leseanimation: das Buchcasting. Nicht nur, aber für leseunlustige Jungs besonders geeignet.

 Frau Hachmann, nach Sängern, Models, Schwiegertöchtern und Bauern werden nun auch Bücher gecastet. Warum?

Ob jemand ein Buch in die Hand nimmt und plant, es zu lesen, ist oft eine Sekunden-Entscheidung, die ohne großes Nachdenken im Kopf abgeht. War es das tolle Cover? Klang der Titel super? Fesselte mich der Klappentext? Zog mich der erste Satz gleich in die Geschichte rein?

Ute Hachmann castet Bücher

Ute Hachmann castet Bücher

Und schon ist klar – auch Bücher sind einem harten Konkurrenzkampf ausgesetzt. Genau wie der Wettbewerb unter Sängern, Models oder Schwiegertöchtern möchte auch das beste Buch gewinnen und gelesen werden.
Hier unterstelle ich dem Buch ein Eigenleben, das so natürlich tatsächlich nicht stattfindet. Aber alle Menschen, denen es am Herzen liegt, das die vielen guten Bücher auf der Welt auch gelesen werden, suchen immer wieder nach guten Ideen und Konzepten, um die Lektüre an den Mann oder die Frau oder das Kind oder den Jugendlichen zu bringen.
Und da Casting-Shows bei Jugendlichen absolut beliebt sind, liegt es doch eigentlich sehr nahe, das wir „Leseförderer“ die Idee, die sich hinter Casting-Shows verbirgt, übernehmen. Weiterlesen

Leseanimation in der Praxis – 2 Konzepte für Schulen und Bibliotheken.

Book-Slam® und Bücherjungen – Jungenbücher, zwei Praxisbeispiele: Leseförderung ist ein weites Feld, das es über lange Zeit und über mehrere Stufen zu beackern gilt. Oft wird der Begriff ungenau genutzt und ein einzelner Baustein des Prozesses für das Ganze gesetzt, nämlich die Leseanimation. Sie ist ein wichtiger Baustein, weil hier – im Idealfall – Bücher aus dem staubigen, anstrengenden Kontext, in dem viele Kinder und Jugendliche das Lesen sonst erleben, herausgehoben werden. Lust  am Buch zu wecken ist gleichzeitig Ziel und Weg solcher Maßnahmen. Leseanimation muss jedoch in weitere, nachhaltige Bemühungen der Leseförderung eingebettet werden, sonst verpufft sie.

Book-Slam für den Titel „Die Poison diaries – Liebe ist unheilbar“ von Maryrose Wood. Nicht für Jungs, aber mal ehrlich, danach will sonst JEDE(R) das Buch lesen!
Foto: Petra Scheuer

Ich stelle heute zwei Methoden zur Leseanimation vor, die in jeder Schule oder Bibliothek mit recht überschaubarem Aufwand umgesetzt werden können. Den Book-Slam® (der Begriff wurde als Warenzeichen geschützt, deshalb das kleine ®) von Dr. Stephanie Jentgens entwickelt, Dozentin für Literatur an der Akademie Remscheid, und meinen eigenen Workshop Bücherjungen – Jungenbücher.

Book-Slam® – schnell, knackig, emotional

Buchvorstellungen durch Schülerinnen und Schüler vor der Schulklasse gab es schon früher. Meistens holperte sich der oder die Vortragende durch eine Inhaltsangabe und ermüdete sich und das Publikum. Der Book-Slam macht daraus eine rasante und jugendgerechte Methode. Im Mittelpunkt steht, ein Buch in sehr knapper Zeit „hinzuknallen“ (wie das englische Wort ‚slam’ schon ahnen lässt.) Es ist eher mit einem Werbespot als mit einer Buchempfehlung zu vergleichen.

Schnell, knackig, auf den unique selling point des Buches gebracht, emotional, mit kreativen Mitteln, die möglichst auch die Sinne ansprechen und nicht nur den Verstand. Ich habe dies zum ersten Mal voriges Jahr auf einer Lesereise in Südtirol erlebt. Drei Gruppen einer Klasse überraschten mich mit Präsentationen meiner eigenen Bücher: Eine Moritat mit wunderschönen Bildern, eine Szene, die vorgespielt wurde usw. Ich kam am Ende fast gar nicht mehr zum Vorlesen und lernte meine eigenen Bücher neu kennen.

And the winner is …

Kurz und knapp umrissen sieht die Methode so aus: Ein kleines Team sucht sich ein Buch aus und bereitet eine Präsentation vor. Das kann unterschiedliche Formen haben: Ein Rap, eine Bildergeschichte, szenische Darstellungen, das Buch als Schattenspiel – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Es stehen nur drei Minuten zur Verfügung.

Im Vordergrund steht: Kann ich das Publikum für dieses Buch begeistern und – ganz wichtig! – kann ich den Slam damit gewinnen, denn es ist als Wettbewerb angelegt. Am Ende sind die Slam-Teilnehmer dem gnadenlosen Urteil der Zuhörerinnen und Zuhörer ausgesetzt, wie beim Eiskunstlaufen werden die Wertungstafeln gezückt. Dabei wird nicht der Darsteller beurteilt, sondern das Buch. Wichtig ist, dass die Zeit eingehalten wird, weshalb eine Hupe oder Pfeife ebenso gnadenlos das Ende jeder Vorstellung signalisiert.

Wertungstafel eines Book-Slams, Foto: Petra Scheuer

Besonders geeignet ist diese Methode für 10- bis 12-Jährige. Auf der Homepage www.bookslam.de hat Stephanie Jentgens ausführlich die Durchführung eines Book-Slams dokumentiert. Alle, die den “Book-Slam®” kommerziell nutzen, müssen sich wegen der Nutzungsrechte an die Akademie Remscheid wenden. Wo die Grenzen zwischen kommerziell und nicht-kommerziell verlaufen, weiß ich nicht, also: auf jeden Fall nachfragen.

Für Nachhaltigkeit sorgen

Sehr wichtig ist, nach dem Book-Slam für Nachhaltigkeit zu sorgen. Das beginnt damit, dass die vorgestellten Bücher anschließend auch verfügbar sein müssen. Jentgens betont das und ich unterstreiche es. In mindestens der Hälfte aller Fälle sind noch nicht einmal die Bücher, aus denen ich vorlese, in der Schule vorrätig. Sogar in Bibliotheken kommt das vor, wenn auch viel seltener!
Mittlerweile gibt es auch Fortbildungen für Multiplikatoren in der Leseförderung, zum Beispiel bietet die Diplom-Bibliothekarin Petra Scheuer aus der Stadtbibliothek Lauterbach solche an. Praxisberichte gibt es auch schon einige, einfach mal Book Slam googeln.

Bücherjungen – Jungenbücher

Der von mir entwickelte Workshop ‚Bücherjungen – Jungenbücher‘ ist eine Maßnahme zur Leseanimation und Lesemotivation von Jungen der 5. und 6. Klasse, richtet sich also an dieselbe Alterstufe wie der Book-Slam. In einer lockeren Abfolge von Lese-, Spiel- und Bewegungselementen wird der Umgang mit Büchern in einem unterhaltsamen Rahmen erprobt. Im Mittelpunkt steht, das Lesen als eine auch für Jungen attraktive Kulturpraxis zu präsentieren, die zunächst vor allem der Unterhaltung und Entspannung dient. Zentrales Element ist das Bücher-Voting, in dem die Teilnehmer die von ihnen favorisierten Titel aus 10 bis 15 Vorschlägen auswählen.

Bücher-Voting Foto: Frank M. Reifenberg

Bücher im Konkurrenzkampf stärken

Für viele Jungen ist Lesen eine mühselige und langweilige Angelegenheit, die zudem nicht zu ihrem Bild von einem coolen Typ passt. Lesen ist in ihren Augen Mädchenkram, andere Medien – besonders elektronische Spiele aller Art – sind attraktiver und oft reicht ihre Lesekompetenz auch nicht aus, um flüssig und mit Freude zu lesen. Am letzten Punkt ändert auch ein solcher Workshop nichts, hier greifen nur langfristig angelegte Maßnahmen der Leseförderung.

(c) Abraxas Festival Zug/Schweiz

‚Bücherjungen – Jungenbücher‘ macht in erster Linie Lust aufs Buch und holt das Buch vom Sockel des hohen Kulturguts mit pädagogischem Anspruch herunter. Im Workshop begegnen den Teilnehmern Bücher als etwas, in dem es um Dinge geht, die sie interessieren, in einer Form und mit Methoden, die ihnen Spaß machen.

Mitmachen, bewegen, Spaß haben

Der Workshop folgt einer Dramaturgie, die Spannung erzeugt, Bücher begehrenswerter macht. Dazu gehört auch die Abgrenzung zu den Mädchen. Alleine die Tatsache, dass die Jungen sich „auserwählt“ fühlen und mit einer Veranstaltung nur für sie „belohnt“ werden, schafft eine Atmosphäre des Besonderen.

Bewegung und Aktions-Elemente spielen eine wichtige Rolle. Die Jungen werden immer wieder spontan zum Mitmachen animiert, sie sollen ihre Talente einbringen und vorführen – freiwillig und ohne Leistungsdruck. Wenn es sich ergibt wird gezeichnet, gesungen oder es werden sportliche Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Dass es sich ergibt, dafür muss der Coach sorgen. Es wird viel gelacht und viel applaudiert. Und als Coach sehe ich mich in dieser Situation. Nicht als Leiter oder Lehrer.
Der Workshop kann im Prinzip von jedem durchgeführt werden, der im Umgang mit Jungen der Altersgruppe geübt ist und ihnen vorurteilsfrei begegnet. Dies gilt auch für Frauen. Nicht das Geschlecht entscheidet in erster Linie über den Erfolg, sondern die Frage, ob Mann wie auch Frau gendersensibel agiert.

Animateur, Entertainer, Dompteur

Leseanimation kann viele Formen haben. Sie lebt davon, was der „Animateur“ daraus macht. Genau so fühle ich mich dabei: wie ein Animateur oder ein Entertainer in Sachen Bücherspaß. Manchmal auch wie ein Dompteur, weil es gar nicht so einfach ist, jedes Mal von neuem vor eine völlig fremde Gruppe von Rabauken zu treten und ihnen – wenn auch nur für zwei Stunden – ein intensives Angebot zu machen.
Dazu werfe ich immer wieder viel von mir in den Ring: meine Persönlichkeit, meine Erfahrungen im Auftritt vor Gruppen, meine eigene Lesesozialisation und nicht zuletzt mein Vergnügen daran, mit anderen in einen Dialog zu treten, andere herauszufordern.

Die Workshops folgen dem beschriebenen Muster, laufen aber nie nach Schema F ab. Sie erfordern eine ständige Anpassung an das Lese-Niveau der Teilnehmer, an deren Bereitschaft mitzuspielen, an die Laune und die Bücher, die die Jungen mitbringen. Zur Ermutigung anderer stelle ich den Ablauf des Workshops und die Liste der Bücher, die ich verwende, zum Download zur Verfügung. Ich würde mich freuen, wenn andere dieses Gerüst nutzen und ihren eigenen Workshop daraus entwickeln.

Selbst lesen hilft!

Ein Tipp für alle, die den Workshop ausprobieren wollen: Das Interesse an Büchern und damit auch die Bereitschaft, sich mit einer gewissen Anzahl von Titel zu beschäftigen, ist natürlich eine wesentliche Voraussetzung. Das hört sich selbstverständlich an, aber sehr häufig stelle ich fest, dass es den betreuenden Personen zu viel ist, sich mit den vielleicht 20 Titeln zu beschäftigen, die man für die Workshops braucht. Daraus jedoch bezieht die ganze Aktion ihre Kraft. Die gekonnte Verbindung zwischen Vorlieben der Teilnehmer und den  Geschichten herzustellen, gelingt nur, wenn man sowohl die Interessen der Jungen als auch die Bücher kennt.

Übrigens, beide Methoden können auch gut miteinander verbunden werden: Zuerst das Voting, dann mit dessen Ergebnissen der Slam.

Hier können Sie das ausführliche Konzept des Workshops downloaden: Reifenberg BJJB Workshop Konzept 10_2012 (PDF). Über Rückmeldungen und Anregungen freue ich mich sehr. Nutzen Sie  die Kommentarfunktion oder schreiben Sie mir eine E-Mail, wenn Sie eigene Veranstaltungsformen entwickelt haben. Und wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat, freut mich auch der Klick auf den Gefällt-mir-Button unten.

Einen Radiobeitrag über einen BJJB-Workshop in der 8. Klasse finden Sie hier: Radiobeitrag Workshop BJJB Bad Berleburg (mp3-Datei).  Weitere Beiträge zum Thema in diesem Blog: Buchtipps für Jungen.